Eigentlich wollten wir fliegen. Aber ein Hin- und Rückflug hätte über 200 Euro gekostet. Die Zugtickets sind aber in den Ferien schwer zu bekommen. In China gibt es nämlich keine frei wählbaren Feiertage. Es gibt nur zwei Wochen Ferien, nämlich zum 1.Mai und zum 1.Okt. Und in diesen Tagen ist GANZ CHINA unterwegs. Wie gesagt, die Zugtickets sind schwer zu kaufen. Und wir standen schon um 5 am Schalter, obwohl der offizielle Verkauf erst um 7 beginnt. Und trotzdem standen schon so viele Leute vor uns, sodass die Tickets innerhalb von 5 Minuten ausverkauft waren. Sogar die Stehplätze, die Michel, Sabrina und Christian als Alternative nehmen wollten (ich war die Zicke, die nicht 14 Stunden lang im Zug stehen wollte) waren, vielleicht sollte ich sagen, zum Glück, ausverkauft. Aber es gab komischerweise Sitzeplätze in einem anderen Zug. Und der kostet nur ein viertel so viel. Wow, dachte sich der Narr. Also schnell zugeschlagen. Für satte 88 Yuan (etwas mehr als 8 Euro) sollen wir also nach Shanghai fahren können? 1400 km? Wow, nice one. Dass die Fahrt 25 Stunden dauern sollte, war uns egal. Es hat niemand genörgelt, nicht mal ich. Jeder war einfach nur happy, dass die Fahrt nach Shanghai nicht mehr an dem Ticket scheitern sollte.....
Mir war klar, dass in dem Zug sehr viele Menschen sein werden. Und selbst unsere (abgehärteten) chinesischen Komilitonnen haben uns von dem Zug abgeraten und gesagt, dass wir das Ticket als eine Fehlinvestition betrachten und uns woanders umschauen sollten. Das konnte ich natürlich nicht verstehen. Da werden doch einfach viele Menschen sein?! Was ist schon dabei. Abgehärtet nach zwei Wochen Peking dachte ich, dass ich schon alles gesehen habe und dass die Zugfahrt auch nichts sonderlich Neues werden sollte. Doch ich wurde eines besseren belehrt....
Menschen, Menschen und Menschen.....

Gerade noch was bei McDonald's bekommen. Beflügelt vom BigMac und dem darauf folgendem Sättegefühl waren alle optimisitisch, dass die Zugfahrt ein Abenteuer werden wird.



Wir haben die Sitzplätze 5, 6, 7, 8 bekommen. Doch ich arme Sau habe (wiedermal) die Arschkarte gezogen. Ich sitze alleine *heul*

Überall standen und saßen Menschen. Viele haben kleine Hocker mitgebracht und es sich auf der Passage gemütlich gemacht. Und da waren noch die beiden: ein Wanderarbeiter und seine Frau kamen mit ihren Hockern und , 3 - 2 - 1 und ZACK! saßen sie! Der Typ saß zwischen meinen Beinen und benutze meine Beine als Armlehnen und die Frau saß an meinem rechten Bein. Beinbewegungen waren fortan für die nächsten Stunden fast unmöglich. Jede Bewegung musste mit meinen neuen Nachbarn abgesprochen werden. Und ich lernte den Begriff Körperkontakt neu definieren.

Irgendwie konnten die noch pennen. Ich konnte es jedenfalls nicht. Ich war einfach zu gestresst von der Menschenmege, Gestank und, ach, vergessen wirs besser:

Müll? Achja, Stichwort MÜLL! Alles wurde einfach auf den Boden geworfen oder, wenns um Essensreste geht, gespuckt. Nach zwei, drei Stunden wurde alles dann von dem Schaffner weggefegt.

Die Zugfahrt war echt eine Qual. Nur wer so etwas erlebt hat, weiss, wovon ich rede. Und nach spätestens 30 Minuten war jede Begeisterung, Abenteuergelüste und naive Vorstellung a la unters Volk tauchen blabla dem puren Stress gewichen. Schlafen war unmöglich. Der Zug war nicht klimatisiert und da die Fensterpassagiere der Meinung waren, dass es zu sehr zieht, wurde das Fenster bei der Fahrt geschlossen. Es war stickig und darüber hinaus hat es gewaltig gestunken. Whatever, zum Glück sind viele Leute nachts um 3 bei Xuzhou ausgestiegen. Und ich konnte mich zu Michel, Christian und Sabrina umsetzen.
Christian hat einfach mal die ganze Fahrt pennen können. Frag mich nicht, wie er das geschafft hat. Ich konnte es nicht. Zugegeben, bisschen neidisch auf ihn war ich schon.... war müde und gestresst.
Im Folgenden einige Bilder von den Schlafmützen:

Haha



Irgendwann rief uns die andere Truppe an, die von Tsingdao aus losgefahren sind. Sie sind übrigens später losgefahren und früher angekommen. Das war schon hart. Aber wir hatten auch ne Art chinesische Langstrecken S-Bahn: es wurde an jeder Stadt gehalten, und alle 20 Minuten blieben wir für 10 Minuten stehen, um die Schnellzüge vorbeiziehen zu lassen.
Irgendwann, nach 25 Stunden und 30 Minuten sind wir auch irgendwie in Shanghai angekommen. Ich hätte den Boden küssen können. War einfach nur froh, die Zugfahrt überlebt zu haben.